relative zeit

 

Da sagte uns einer, die Zeit sei relativ. Als ob wir das nicht wüssten.

Aber nein, meinte jener mit wirrem Haarschopf, relativ nicht im subjektiven Sinne, sondern im objektiv physikalischen!

Und das öffnete uns die Augen – kurz.

Denn in unseren Hamsterrädern wird uns doch täglich vorgerechnet, wie die messbare Zeit unser Leben mit ihrem tausendfach geschärften Beil in Scheibchen schneidet, unabhängig davon, ob wir uns mit einem Armband an einen Chronometer ketten oder nicht. Der grause Herr hat es dann aber doch etwas kompliziert formuliert, was uns dazu verhalf, unsere Augen schnell wieder auf die Zeitmesser zu heften, welche uns vorrechneten, dass während wir Zeit für wirre Ideen verschwendeten, unbarmherzig schon wieder ein paar Schnitten unseres Lebens abgehackt worden sind.

Wo uns doch das Wissen über die relative Zeit tief in uns verankert ist. Wer hat noch nicht etwas wie im Schlaf erledigt, wem ist die Zeit noch nie wie im Flug vergangen, wem sind die Sekunden denn noch nie zu Stunden geworden? Wer erinnert sich nicht daran, wie als Kind ein Jahr unendlich schien, wobei es jetzt wie im Nu verrinnt? Niemals ist Zeit das, wofür wir sie halten. Niemals kann sie Lebensrealitäten in ihre hypothetischen Listen fassen.

Jedoch noch weiter ist der relative Raum. Denn nicht nur unser eigenes Erleben, auch unsere Kultur bestimmt und verändert Zeit. Hattest Du in Deiner Jugend wie jeder damals noch Zeit für einen Brief, jetzt schaffst Du in selber Zeit nur noch zwanzig Mails, welche in ihrer Flut verpuffen. Kein einziges kann dem Brief von damals in seinem Gehalt das Wasser reichen. Konnten wir früher noch zur Arbeit gehen, so reicht nun die Zeit für eine Raserei im Auto nicht mehr aus. Ein neues Phänomen spiegelt sich auf Tausenden Lippen wider: „Ich habe keine Zeit!“ – wo sie uns doch als Lebenszeit geschenkt ist. Nur kurz erlösen uns die Abstürze unserer Computer noch vom Joch, doch schaffen wir es kaum, diese Oasen zum Durchatmen zu nutzen. Aber reist Du von Dorf zu Stadt, ja zwischen Ländern und Kontinenten, von Vororten zu Ballungsräumen, wirst Du erleben, wie unterschiedlich schnell das Leben läuft. Auch wenn Du in Deinen Zeitmaschinen, welche wir Bücher nennen, durch die Jahrhunderte zurückfliegst, eröffnet sich die Erkenntnis: Zeit ist in jeder Gesellschaft, war zu jeder Zeit, etwas anderes.

Aber nun ist Vorsicht geboten. Denn wenn Du wie ich die antiken Bücher liebst, Du es Dir zur Gewohnheit gemacht hast, dort Rat für Dein Leben einzuholen, so sei gewarnt! Die Zeit hatte eine andere Geschwindigkeit in den Lebensrealitäten derer, die ihre Weisheiten durch die Jahrtausende hindurch sprechen können. So manche alte Erkenntnis passt nicht in Dein Hamsterrad, zwingt Dich auszusteigen. Wird sonst zum Stolperstein, beachtest Du nicht die Relativität der Zeit, als ob Du es nicht wüsstest.

 

 

 

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