Horizont – Ziel – Auftrag

 

Ich lese gerade in einem Buch, das einen Praxisentwurf für ein gesundes Leben mit vielen Aufträgen vorstellt, in dem zwischen Horizont, Zielen und unmittelbar notwendigen Veränderungen nicht unterschieden wird.

Das ist fatal.

Jede Wanderin kennt doch diese Kategorien auf ihrem Weg. Der Horizont ist das, was sich vor einem ausbreitet und sich mit jedem getanen Schritt weiter fortbewegt. Das Ziel liegt erreichbar vor einem, abhängig von den Umständen ist, wie leicht und schnell man dort ankommt. Für den Reisenden könnte dies das nächste Dorf sein. Eine unmittelbare Forderung ist etwas, was sofort zu tun ist, für die Fußgängerin zum Beispiel die gute Idee, einen Stein aus dem Schuh zu entfernen.

Wenn ich mir als Gitarrist eines jener wunderbaren Stücke von Al Di Meola oder Django Reinhardt anhöre, so kann dies kein Auftrag für mich sein, es ist Horizont. Nehme ich mein Real Book (Eine Notensammlung von Jazz Standards) zur Hand, geht es um Ziele, – ich suche mir Hilfe bei einem Stück, das ich neu erarbeiten will. Schaue ich mir ein Video an, um eine gewisse Spieltechnik zu lernen, ergibt sich ein unmittelbarer Übungsauftrag.

Werden nun so wie in meinem lebenspraktischen Buch, Horizont, Ziele und unmittelbare Notwendigkeiten zu Arbeitsaufträgen verschmolzen, kann dies recht ungesunde Folgen bei jenen haben, die so etwas ernst nehmen, ja wie im Buch gefordert, als Lebenskonzept verinnerlichen.

Man stelle sich nur vor, unser Wanderer würde versuchen, den Horizont zu erreichen, nur um erschöpft und frustriert jeden Abend ins Bett zu sinken. Oder aber die Reisende meine, ihr Ziel sei ein unmittelbarer Auftrag, sie müsse die Umstände ignorieren, ja selbst (oder ihrem Zeitplan folgend) bestimmen, wie leicht und schnell es zu erreichen sei. Kaum wird sie Raum und Zeit für all jenes finden, was sie genüsslich und lehrreich über Umwege führt. Ärger und Bitterkeit dürften eher ihre Begleiter sein als Lebensfreude und Spaß am Neuen. Zur Vollständigkeit könnten wir uns noch dem Fußgänger zuwenden, der dem Irrtum erliegt, um möglichst schnell dem Horizont nachzujagen, könne er den Stein im Schuh ignorieren – ein schmerzhaftes selbstverletzendes Unterfangen.

So werden manche, die in diesem Irrtum leben, sich überfordern, unglaublich motiviert und fleißig, andere ignorant, einige Alkoholiker. Die einen Scheitern, die anderen gewöhnen sich an das Scheitern als Lebensentwurf. Einigen gelingt die Flucht, andere immigrieren innerlich, manche geraten in ungesunde Abhängigkeiten. Eine toxische Mischung, die mein Buch da bereitet – gerade zu teuflisch – besonders wenn zum Abschmecken die Sache noch mit Angst als Motivationsbooster gewürzt wird.

Für ein gesundes, fröhliches Leben scheint mir also die Unterscheidung zwischen Horizont, möglichen Zielen und unmittelbar nötigen Veränderungen auf der Lebenswanderung sehr förderlich.

 

 

 

1 Kommentar zu „Horizont – Ziel – Auftrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*